Matthias Brüggemeier-Koch: Kompetenzorientierter RU – Praxiserfahrungen

Über dieses Event freue ich mich besonders! Matthias Brüggemeier-Koch wird Anfang November sein Zweites Staatsexamen ablegen und hat mir über 21 Monate hinweg eine Mentorenschaft beschert, die ihresgleichen sucht: theologisch ist er mir haushoch überlegen, die passende Rollenvorstellung brachte er durch seine mehrjährige akademische Lehrtätigkeit schon mit ins Referendariat, und er ist ein in jeder Hinsicht kompetenter, freundlicher und verlässlicher Mensch. Dass er sich so kurz vor seiner Prüfung die Zeit nimmt und mit erheblichem Aufwand einen Input vorbereitet und beisteuert, sagt eigentlich schon viel über seinen Charakter aus. So erfüllt es mich mit Freude und auch ein wenig Stolz, ihn für openreli gewonnen zu haben. Auf eine sicher kurzweilige Session! – Matthias Heil

#openreli Live-Event am 23.10.2013: Matthias Brüggemeier-Koch


Chat-Protokoll

Präsentations-Folien (GoogleDoc)


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Zusammenfassung

Die Grundlage des Hessischen Kerncurriculums stellen neben überfachlichen Kompetenzen wie Methodenkompetenz und Sozialkompetenz domänenspezifische Kompetenzformulierungen dar. Für das Fach Religion haben sich diese fünf domänenspezifischen, religiösen Kompetenzen durchgesetzt: Wahrnehmung, Deutung, Urteil, Kommunikation, Partizipation. Hinzu kommen Kompetenzen im Bereich des Sachwissens, welche durch die sogenannten Inhaltsfelder konkretisiert werden, an denen die fünf genannten Kompetenzen angewendet und geschult werden. Die Inhaltsfelder sind als inhaltliche Konkretisierung der Kompetenzen zu verstehen und die Kompetenzen als Abstrahierung in unterschiedliche Bereiche von Metafähigkeiten.

Religionspädagogische Konzepte und fachdidaktische Prinzipien (z.B. Korrelationsdidaktik oder Elementarisierung) haben schon länger versucht, Überlegungen zur Lebensrelevanz und Praxistauglichkeit des konkreten Unterrichtsvorhabens zum transparenten Ausgangspunkt und Leitmotiv der Unterrichtsplanung zu machen. Eine Vielzahl von fachdidaktischen und fachpädagogischen Konzepten ist entstanden, die dem Anspruch kompetenzorientierten Religionsunterrichts in vieler Hinsicht bereits genügen. An diese Konzepte lässt sich (über die Kompetenzbeschreibungen des Kerncurriculums hinaus) für Überlegungen zu einem kompetenzorientierten Unterricht schon anknüpfen, und sie können Themenfelder zur Konkretisierung liefern. Beispiele: Ethisches Lernen (Urteilskompetenz), Interreligiöses Lernen (Kommunikationskompetenz), Performativer Religionsunterricht (Partizipationskompetenz). Zu diskutieren wäre dabei, ob nicht die beschriebenen domänenspezifischen Kompetenzen oder die genannten Inhaltsfelder noch wichtige Dimensionen des Religionsunterrichts aus dem Blick lassen, oder ob der zugrundeliegende Gedanke einer korrelativen Didaktik in Anlehnung an eine Rahner’sche oder Pannenberg’sche Theologie die einzig möglichen und oder praktikablen Fundamente eines modernen Religionsunterrichts sein können.

Nun sollen drei konkrete Beispiele aus meiner Unterrichtspraxis folgen, durch die ich versucht habe, mit meinen Schülerinnen und Schülern gezielt (unter Berücksichtigung der genannten religionspädagogischen Entwürfe) an einzelnen der genannten Kompetenzbereiche zu arbeiten. Die dazu gehörenden, hier veröffentlichten Arbeitsmaterialien und Durchführungsbeschreibungen dürfen heruntergeladen und verwendet werden.

Beispiel 1: Schulung der Urteilskompetenz im Kontext einer Unterrichtsstunde, die dem Ethischen Lernen gewidmet ist (Jahrgangsstufe 9). – Einheit: Verantwortung für das Leben. Menschenwürde und Gottesbildlichkeit. Stundenthema: Normenfindung unter dem Schleier des Nichtwissens – Ein Simulationsspiel zur Diskursethik von John Rawls. – In Unterrichtsentwürfen werden Referendare zur Zeit angehalten, klar beobachtbare Indikatoren zu benennen, an denen ersichtlich wird, dass die SuS Kompetenzfortschritte erzielen. Z.B.: Die SuS schulen ihre Wahrnehmungskompetenz hinsichtlich ethischer Entscheidungssituationen, indem (Indikator!) sie in ein Verteilungsproblem versetzt werden und mit den Mechanismen des Verteilungsproblems vertraut werden. – Punktuell und teilweise auch nur in kleinen Arbeitsschritten wird in jeder Unterrichtsstunde an verschiedenen Kompetenzen gearbeitet. Die Wahrnehmungskompetenz und Deutungskompetenz sind fast immer vertreten, auch Kommunikationskompetenz, wenn ein Ergebnisaustausch in angemessener Fachsprache stattfindet oder eine Diskurs- oder Dialogsituation zur Anwendung kommt. I.d.R. wird jedoch eine bestimmte Kompetenz in der Unterrichtseinheit oder Unterrichtsstunde besonders in den Blick genommen; in Beispiel 1 ist es die Urteilskompetenz, auf die besonders viele Indikatoren hinweisen.

Beispiel 2: Schulung der Partizipationskompetenz im Sinne performativen Lernens (Jahrgangsstufe 6). – Einheit: Religiöses Leben an unserem Ort: Religiöse Symbole entdecken und deuten II. – Thema der Sequenz: Kirchenräume als Orte religiöser Praxis (Ausschnitt aus der Unterrichtseinheit, die allerdings über eine Unterrichtsstunde hinausging). – Beispielhafte Indikatoren und Kompetenzzielformulierungen: Die Schülerinnen und Schüler schulen Deutungs-, Kommunikations- und Partizipationskompetenz (Aufgabenformat 3), indem sie ihre Erfahrungen mit dem Kirchenraum in sprachliche angemessene und ansprechende Form bringen, um die erarbeiteten Informationen an potentielle Besucher weiterzugeben. Die Präsentationsform schult hier in besonderer Weise die Kommunikationskompetenz aber auch die Partizipationskompetenz, insofern die Schülerinnen und Schüler Werbung für einen Kirchenbau und die Kirchengemeinde entwerfen. Sie schulen die Deutungs-, Kommunikations- und Partizipationskompetenz (Aufgabenformat 4), indem sie ein liturgisches Konzept d.h. Proprium entwerfen (Deutung), es in angemessene liturgiesprachliche Form bringen (Kommunikation) und auf diese Weise einen kleinen Gottesdienst gestalten und durchführen (Partizipation).

Kompetenzorientierung heißt nicht, dass man ständig handlungsorientierten oder performativen Unterricht durchführen muss, allerdings hilft die Rechenschaft darüber, welche Kompetenzen man schulen will, dabei, nicht zu einseitigen Religionsunterricht zu planen, der bestimmte Elemente (etwa Urteils- oder Partizipationsaufgabenformate) völlig übersieht. Religionsunterricht, der immer nur mittels Textarbeit Wahrnehmungs- und Deutungskompetenz schult, ist zu einseitig und genügt daher den Anforderungen kompetenzorientierten Unterrichtens nicht. Zu kompetenenzorientiertem Unterrichten gehört außerdem das „backward planning“ bzw. die Outputorientierung, also das zu erreichende Kompetenzlernziel als Ausgangspunkt didaktischer Überlegungen.

Beispiel 3: Biblische Erfahrungen III: Existentielle Bibelauslegung am Beispiel des Themas „Ethik im Neuen Testament“ (E-Phase, E2). – Outputorientierung und backward planning mit einem von den zentralen Kompetenzzielen geführten roten Faden zeigt sich auch im sogenannten hessischen Prozessmodell. – Kompetenzzielformulierungen: Schulung vor allem der Deutungskompetenz, indem die Schülerinnen und Schüler ein Verständnis für die Interpretation neutestamentlicher Texte (hier v.a. von Gleichnissen) auf der Grundlage existentieller (tiefenpsychologischer, befreiungstheologischer, feministischer) Auslegung erlangen und selbst existentiell bedeutsame Deutungen (in Form einer Predigt) vornehmen. Das Backward Planning zeigt sich hier beim Ansatz mit einer Anforderungssituation, die am Ende der Einheit gelöst werden soll. Dazu werden im Lauf der Einheit verschiedene Kompetenzen erworben, die in der Bewältigung der abschließenden Anforderungssituation erforderlich sind und dort auf die Probe gestellt werden.

Kompetenzorientierung erfordert nicht zwingend völlig neue Aufgabenformate, sondern eher eine gewisse Vielseitigkeit an Aufgabenformaten inklusive handlungsorientierter Frage-stellungen und Arbeitsaufträgen (etwa hinsichtlich der Partizipationskompetenz). Daher kann man von vielen modernen Religionsschulbüchern sagen, dass sie bereits kompetenzorientierte Aufgabenformate bieten. Allerdings finden sich in Religionsbüchern, die laut Einführungstext kompetenzorientiert angelegt sind, bislang explizite Kenntlichmachungen von Kompetenzbereichen oder ausdrückliche Kompetenzformulierungen nicht. Ein Vorteil der Kompetenzorientierung, nämlich die Transparenz von zu erlernenden domänenspezifischen Kompetenzen, wird damit nicht erreicht, jedoch wird man wohl behaupten dürfen, dass die Schülerinnen und Schüler mit diesen Aufgabenformaten dennoch auch anonym und verschleiert religiöse Kompetenzen erwerben und vertiefen.

Matthias Brüggemeier-Koch, Kontakt: matthias.brueggemeier@web.de

Material-Sammlung

  • Zusammenfassung (PDF)
  • Vortrags-Folien (Google-Präsentation) (PDF – folgt nach Finalisierung der Folien)
  • Beispiel 1 – Einheitenbeschreibung (DOCX) (PDF)
  • Beispiel 1 – Unterrichtsskizze (DOC) (PDF)
  • Beispiel 1 – Material 1 (DOCX) (PDF)
  • Beispiel 1 – Material 2 (DOCX) (PDF)
  • Beispiel 1 – Material 3 (DOCX) (PDF)
  • Beispiel 2 – Einheitenbeschreibung (DOCX) (PDF)
  • Beispiel 2 – Didaktische Analyse (DOCX) (PDF)
  • Beispiel 2 – Unterrichtsskizze (DOC) (PDF)
  • Beispiel 2 – Material 1 (DOC) (PDF)
  • Beispiel 2 – Material 2 (DOCX) (PDF)
  • Beispiel 2 – Material 3 (DOC) (PDF)
  • Beispiel 2 – Material 4 (DOCX) (PDF)
  • Beispiel 2 – Lösungen (PUB) (PDF)
  • Beispiel 3 – Einheit/Prozessmodell (DOCX) (PDF)
  • Beispiel 3 – Material/Überblick (DOC) (PDF)
  • Beispiel 3 – Station 1 (DOC) (PDF)
  • Beispiel 3 – Station 2 (DOC) (PDF)
  • Beispiel 3 – Station 3 (DOC) (PDF)
  • Beispiel 3 – Station 4 (DOC) (PDF)

Kontext

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