Wochenaufgabe 2: Was ist guter/kompetenzorientierter RU? (Reinhard Weber)

Zu diesem Thema ist mir eine Studie über die Wirksamkeit von Psychotherapie eingefallen, über die ich im Zuge meiner Ausbildung zum Ehe-, Familien- und Lebensberater in einem Buch gelesen habe (Hargens, J. (2008). Aller Anfang ist ein Anfang. Gestaltungsmöglichkeiten hilfreicher systemischer Gespräche. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 17-19):

Hier werden folgende Faktoren und ihre Auswirkung auf das Therapieergebnis genannt:

  1. KlientInnenvariablen und extratherapeutische Ereignisse: 40%
    Das Ergebnis wird in hohem Maße durch die KlientIn und äußere Ereignisse bestimmt.
  2. Beziehungsfaktoren: 30%
    Die Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn ist entscheidend.
  3. Erwartungs- und Placeboeffekte: 15%
  4. Technik- und Modellfaktoren: 15%
    D. h. die “Technik” bzw. therapeutische Schule ist gar nicht so wichtig – jede Form von Psychotherapie wirkt.

Wenn ich das jetzt auf den Religionsunterricht umlege, würde das bedeuten:

  1. Erfolgreicher RU braucht auf Seiten der SchülerInnen Aufmerksamkeit, Interesse, innere Motivation und zusätzlich gute Rahmenbedingungen.
    Das passt ja auch gut zu den Ergebnissen der Lernforschung: Lernen beginnt mit dem Lenken der Aufmerksamkeit auf etwas, dem Interessieren für etwas. Dass hier Emotionen eine nicht geringe Rolle spielen, ist auch unbestritten.
    Zu den manchmal recht ungünstigen realen Gegebenheiten und Rahmenbedingungen haben ja schon einige TeilgeberInnen geschrieben. Da möchte ich mich nicht verbreitern, die kennen wir eh alle.
    Aber, zur eigenen Entlastung: Wo ich nur sehr bedingt Einfluss habe, brauche ich mir auch nicht die ganze Last der Verantwortung umhängen bzw. umhängen lassen.
  2. Die Beziehung zu meinen SchülerInnen ist entscheidend und zwar viel mehr, als das, was bzw. wie ich unterrichte.
    Hier sehe ich große Einflussfaktoren für mich und das erlebe ich auch in meinem Unterrichtsalltag.
  3. Meine Erwartungen spielen auch eine Rolle.
    Vielleicht eine Einladung, mir vor meinem inneren Auge öfter mal vorzustellen, wie gut eine Stunde laufen wird.
  4. Die Methode spielt dann auch noch eine, wenn auch untergeordnete, Rolle.
    Also, Kompetenzorientierung ernst, aber nicht zu ernst nehmen. Wobei der kompetenzorientierte Blick auf die SchülerInnen vielleicht (aber auch nur vielleicht – innere Faktoren kann man, systemisch gesehen, nicht direkt beeinflussen) wieder das Seine zu Punkt 1 beiträgt.

Es würde mich brennend interessieren, was ihr dazu denkt.

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Die Einflussfaktoren schätze ich ähnlich ein, inklusive der Vernetzung, die unter 4. angedeutet wird:
    4. “Methoden” (weit gefasst, als das Ganze des Arrangements von Medien, Sozialformen, Methoden, Impulsen…) haben Einfluss darauf, ob die SchülerInnen Anschluss an den Unterricht finden und den Eindruck gewinnen, dass es sich für sie lohnt, das jeweilige “Problem” zu lösen.
    Und umgekehrt: Das “Problem” muss auch wirklich eins der SchülerInnen sein (wo es nichts zu klären gibt, hilft Psychotherapie auch nix, vermute ich mal, egal wie ausgeklügelt die Methode sein mag…).
    2. Die Gruppe braucht mich als Verbündete, nicht als Gegnerin, Chefin oder “Wesen vom anderen Stern”, das unverständliche Forderungen stellt – ohne Vertrauen läuft gar nichts, völlig einverstanden.
    3. Zu den Erwartungen möchte ich ergänzen, dass ich sie weniger an den Stundenablauf richte (je weniger ich da “erwarte”, desto eher werde ich freudig überrascht) als an die SchülerInnen: Wenn ich sie mit der Erwartung anschaue, dass sie ohne Druck, Kontrolle und “Führung” außer Rand und Band geraten und keinerlei Fortschritte machen werden, werde ich vermutlich bestätigt werden. Wenn ich erwarte, dass sie selber ein Interesse daran haben, mit ihrem Leben (auf möglichst kompetente Weise) klarzukommen, werde ich vermutlich ebenfalls bestätigt werden – aber sinnvolleren Unterricht erleben. Was wieder zum Punkt 1 “Motivation” passt… Deshalb: Doch, bitte, Kompetenzorientierung ernst nehmen (gibt´s da ein “zu ernst”? Was meinst Du damit?). Aber nicht auf Methoden beschränken.

  2. Lieber Reinhard,

    danke für die “Prozente” – sehr interessant!

    Die Frage wäre für mich, ob man die Placebo/Erwartungs-Effekte letztlich nicht auch der Methode zuordnen sollte. Denn i.d.R. erwarte ich ja etwas Bestimmtes von eben einer bestimmten Therapie. Dann könnte man als Faustregel sagen, etwas vergröbert: ein Drittel Methodenfaktoren, ein Drittel Beziehungsfaktoren, ein Drittel Klientenfaktoren.

    Zur Übertragen auf den RU: bei #3 sprichst du von deinen Erwartungen – aber es müsste doch um die Erwartungen der Schüler gehen (oder?)

    • Lieber Horst!

      Ja, natürlich haben die auch Erwartungen und die merken wir natürlich auch, ich habe primär mal meine erwähnt, weil auf die habe ich direkt Einfluss.

  3. Hallo,
    das Zitat “Jeder Schüler will einmal am Tag gesehen werden” finde ich hervorragend. Ich bin in der guten Lage meine Schüler zum Großteil schon seit der Grundschule zu “kennen”, wenn auch nicht immer nur in Religion. So wächst natürlich Beziehung. Ein Hoch auf die kleinen Schulen! Am Anfang meiner Schulkarriere war es schwieriger, da musste ich plötzlich eine Horde pubertärer Schüler in Reli übernehmen und hatte davon so überhaupt keine Ahnung, ja sogar Angst. Also konnte ich mich nur auf die Schüler einlassen und offen und überzeugt meine Auffassungen vertreten. Das hat sich bewährt und ich bin deshalb akzeptiert, indem ich alle wirklich alle Fragen zulasse. Ja und Begeisterung für ein Thema bei mir, zündet dann auch meist bei den Schülern.

  4. Ich möchte die aufgeworfene Frage in zwei Bereiche teilen, einerseits beginnend mit gutem RU, andrerseits mit gutem, kompetenzorientierten RU.

    Guter RU basiert wesentlich auf der guten Beziehung zu den Schülern (siehe Punkt 2 bei Reinhard Weber), daraus resultiert die Motivation und das Interesse (siehe Punkt 1). Die Aufmerksamkeit würde ich auch auf die Lehrerseite gegenüber den Schülern stellen. Bei einer Fortbildung im August habe ich den Satz gehört “Jeder Schüler will mindestens einmal am Tag ´gesehen´ werden.” – durch die Aufmerksamkeit, die ich den Schülern entgegenbringe, wird es mir als Lehrerin auch leichter fallen, bei ihrer Lebenswirklichkeit anzuknüpfen und daraus interessante Themen zu entwickeln. Ein guter RU bindet alle Schüler ein, jeder hat eine Rolle im Sinne des kooperativen Lernens.
    In einem zweiten Schritt, quasi als “Plus” eines kompetenzorientierten Unterrichts, kommt die Alltagstauglichkeit, die Realitätsnähe der gestellten Aufgaben zum Tragen. Als Lehrer muss ich die Perspektive wechseln von Lernzielen, die der Lehrplan oder ich vorgebe, hin zu Fähigkeiten, die meine Schüler entwickeln sollen. Der Grundsatz “Personen stärken und Dinge klären” passt in meinen Augen auch bestens zu einem guten kompetenzorientierten RU.

    Ein Wort zur Wahl der Methode: (Punkt 4)
    sehr wichtig: Abwechslung in der Methodik
    sehr wichtig: Methode muss zum Thema, zu den Rahmenbedingungen, und nicht zuletzt auch zur Lehrperson selbst passen
    weniger wichtig: immer alles Neue gleich und sofort ausprobieren müssen und Bewährtes verwerfen (stimme da voll meinem Vorredner zu!!!) – gerade im RU denke ich, dass bereits sehr vieles ohnehin schon kompetenzorientiert gelaufen ist, ohne dass dieses Etikett drauf war.

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